Barbara

Zum ersten Mal passiert ist es in der Nacht. Das kleine Kind ruft nach mir. Soweit, so gewöhnlich. Aber es ruft nicht «Mamaaaaa!» oder «Mamiiiiiiii!», es ruft mich beim Vornamen: «Barbara! Barbara! Barbara!*» Nun gut, denke ich, damit bin eindeutig ich gemeint. Wahrscheinlich hatte es einen bösen Traum und nennt mich Morgen wieder Mama. Aber ich habe mich geirrt: Ab sofort bin ich Barbara. Und irritiert. Am meisten irritiert mich, dass ich irritiert bin.

Meiner Freundin Monika* ist das auch schon passiert. Sie guckte ganz streng und sagte: «Für dich bin ich die Mama, nicht die Monika.» Sollte ich das auch tun? Sollte ich meinem Kind verbieten, mich bei meinem Vornamen zu nennen? Und wenn ja, warum eigentlich? Ich bin doch Barbara. Alle nennen mich so: der Mann, die Nachbarn, meine Eltern, meine Freunde.

Die Foren sind sich einig: es ist skandalös, respektlos und man sollte das auf keinen Fall erlauben. Und ich überlege hin und her, was eigentlich los ist mit mir. An Foren glaube ich doch gar nicht. Aber an meine Gefühle halt schon und die sind irgendwie durcheinander bei jedem «Barbara». Ich komme mir selbst auf die Schliche: «Mama» genannt zu werden, ist halt etwas Spezielles. Das erste wirklich gemeinte «Mama» war schon ein Höhepunkt in meinem Leben. Und ich möchte nicht einfach eine Barbara sein, sondern Mama. Ich bin nicht irgendjemand im Leben dieses Kindes, ich bin die, die es in der Nacht tröstet, ich bin seine erste Ansprechperson, ich bin die, die ohne Ekel aus seinem Becher trinkt (und das soll was heissen!), ich bin die, die neben ihm im 80 cm Spitalbett schläft liegt. Ich bin Mama nach langen Jahren des Wartens und Hoffens und ich möchte diesen verdammten Titel nicht einfach so hergeben. Ich möchte, dass auch Fremde sehen, dass ich die Mama dieses Kindes bin und nicht einfach eine Barbara, die gerade das Kind hütet.

Einmal sage ich: «Du kannst auch Mama zu mir sagen.» Und es schaut mich irritiert an und sagt: «Ja, Barbara, das kann ich.» (Das sind Momente, da bin ich unglaublich stolz auf meine Kinder. So klug, so selbstbewusst, so wortgewandt. Eindeutig Kinder von Barbara.) Einmal schauen wir ein Bilderbuch an und es zeigt auf die Kängurumutter mit Baby und sagt: «Schau, die Kängurubarbara mit ihrem Kind.»

Seitdem schweige ich und meine Gefühle haben sich auch wieder normalisiert. Nenn mich doch, wie du willst. Ich bleibe für immer deine Barbara.

*Name von der Redaktion geändert.

goodbye 2019

Ja, ein bisschen late to the party und es hat auch etwas gedauert, bis ich das Passwort zum Blog wieder wusste. Aber ich bin noch da und ich muss das 2019 noch abschliessen, bevor ich 2020 fulminant starten kann.

Ganz grob auf einer Skala von 1 bis 10: Wie war dein Jahr?
Eine 9,5.

Haare länger oder kürzer?
Länger. Aber vor allem: grauer. Ich habe mich nach langem Hin und Her endlich dazu entschieden, die Haare nicht mehr zu färben oder tönen und habe es keine Sekunde bereut.

Kurzsichtiger oder weitsichtiger?
Mental: weitsichtiger.

Mehr Geld oder weniger?
Mehr. Lohnerhöhung sei Dank.

Mehr ausgegeben oder weniger?
Weniger. Wir waren sparsam dieses Jahr (für nächstes Jahr: eine grosse Reise steht bevor!).

Der hirnrissigste Plan?
Ehrlich, ich war total vernünftig.

Die gefährlichste Unternehmung?
Gefährlich nicht, aber Mut und Vertrauen gebraucht habe ich schon: Meine Kinder werden seit Sommer einen Tag „fremd“betreut. Ein Glücksfall!

Die teuerste Anschaffung?
Nicht wirklich aufregend, aber wahr: Der neue Staubsauger.

Das leckerste Essen?
Indisch mit Freundinnen.

Das beeindruckendste Buch?
Roman: „Alle, die vor uns da waren“ von Birgit Vanderbeke.
Comic: „I’m every woman“ von Liv Strömquist.
Feminismus: „Schluss mit gratis“ von Sibylle Stillhart

Der ergreifendste Film?
Alles ist gut.

Die beste Serie?
Grace & Frankie.

Die beste CD?
„Miami memory“ von Alex Cameron.

Das schönste Konzert?
Da war nur dieses Kinderkonzert. War aber auch nicht so schlecht.

Die meiste Zeit verbracht mit…?
… meinen Kindern.

Die schönste Zeit verbracht mit…?
… meinen Kindern und meinem Mann im Sommer 2019.

Vorherrschendes Gefühl 2019?
Auf dem richtigen Weg zu sein.

2019 zum ersten Mal getan?
Die Kinder eingewöhnt.

2019 nach langer Zeit wieder getan?
Mir einen Drink genehmigt.

3 Dinge, auf die ich gut hätte verzichten mögen?
Zwei Nächte im Kinderspital, viele Spital- und Heimbesuche & dumme Menschen.

Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte?
Dass Durchschlafen eine total gute Sache ist (nicht so erfolgreich). Ausschlafen folgt dann 2020.

Das schönste Geschenk, das ich jemandem gemacht habe?
Materiell: Dem Grossen das riesige Legopaket. Dem Kleinen gegen meine Prinzipien irgendwas von Paw Patrol. Ansonsten: so richtig Dasein.

Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat?
Ein goldener Ring mit viel Bedeutung.

Der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt hat?
Du hast so voluminöses Haar. Irgendwas mit Liebe.

Der schönste Satz, den ich zu jemandem gesagt habe?
„Ihr seid mein grösstes Glück.“

Besseren Job oder schlechteren?
Eigentlich den gleichen und trotzdem ist er besser geworden.

Dieses Jahr etwas gewonnen und wenn ja, was?
Ja! Zweimal. Einmal sogar etwas richtig teures (das ich leider nicht brauchen kann und niemand abkaufen möchte).

Mehr bewegt oder weniger?
Gleich viel.

Anzahl der Erkrankungen dieses Jahr?
So richtig krank war ich selbst nicht. Es wurde alles besser.

Davon war für dich die Schlimmste?
Der Rücken und das ganze Drama drum herum.

Dein Wort des Jahres?
Authentizität.

Dein Unwort des Jahres?
Pseudokrupp.

Dein Lieblingsblog des Jahres?
Anyworkingmom.

Dein grösster Wunsch fürs kommende Jahr?
Gesundheit.

2019 war mit 1 Wort…?
Heilend.

buchempfehlung ihrer lieblingsbibliothekarin: das wasserscheue krokodil

mal was altes (2014), aber sehr bewährtes: „das wasserscheue krokodil„. eigentlich eines meiner liebsten bücher für meine buben. vor 4 jahren in holland gekauft (deshalb heisst unseres auch „de krokodil die niet van water hield“) und heiss geliebt, zuerst vom grossen und jetzt auch vom kleinen.

ein paar krokodil-geschwister, die es allesamt lieben, ins wasser zu tauchen, zu schwimmen und zu toben. auf mamas rücken zu sitzen, während sie durchs wasser gleitet: ein traum und ein spass. ausser für eines: das wasserscheue krokodil. es mag kein wasser, nicht mal an der zehenspitze. „wasser war kalt, wasser war nass und wasser war peinlich.“

es fühlt sich ausgeschlossen und alleine und fragt sich (auch nachts), warum es denn so anders ist.

eines tages überwindet es sich und springt ins wasser. grauenhaft. und so kalt, dass es niesen muss. aber was kommt da aus der nase? ganz viel feuer und dann ein bisschen rauch. ist das krokodil womöglich gar kein krokodil?

ein wirklich wunderbares buch, besonders für kinder, die manchmal vielleicht ein bisschen anders sind als der rest. und das mit gutem grund! ganz schöne zeichnungen mit liebevollen details. ein buch, das man hunderte male anschauen und erzählen kann (und will!). ich spreche aus erfahrung.

ode an den mittagsschlaf

nicht meinen. ich hab nie einen gemacht. als kind vielleicht schon. wobei: wenn man meiner mutter glaubt, war ich mit einem jahr windelfrei. es kann also gut sein, dass ich damals auch mit algebra und russischer grammatik angefangen habe und keine zeit mehr hatte für mittagsschlaf.

ich meine den der kinder.
ich habe ihn immer geliebt. ich habe nie selbst geschlafen in dieser zeit, obschon es ja den sehr klugen rat gibt: „schlafe, wenn das baby schläft“. (und den noch besseren konter: „gute idee, ich koche dann, wenn das baby kocht und räume auf, wenn das baby aufräumt.“) ich kann tagsüber nicht schlafen. ich fühle mich anschliessend immer, als sei ich betrunken. was sich jetzt irgendwie erstrebenswerter anhört, als es wirklich ist.

ich habe die zeit ähnlich genutzt. meist auch in der horizontalen. kaum hat das kind ENDLICH die augen zu, sofort aufs sofa, füsse hoch. es waren MEINE minuten des tages. es gab sogar zeiten, in denen ich eine zigarette geraucht habe (nicht auf dem sofa, auch wenn das irgenwie noch cooler gewesen wäre). ein bisschen habe ich mich dann gefühlt wie die kinderlose single-frau, die ich manchmal gerne wäre. nur ein paar minütchen pro tag. höchstens.

leider haben die kinder nie synchron geschlafen. also tagsüber. nachts schaffen sie es ab und zu. der grosse hatte den mittagsschlaf pünktlich mit der geburt des kleinen bruders abgeschafft. und so haben wir den schlaf des kleinen bruders oft genutzt, um mal wieder zu zweit zu sein. wahrscheinlich hat sich der grosse dann gefühlt wie das einzelkind, das er manchmal gerne wäre. vielleicht öfter als ein paar minütchen pro tag.

wie dem auch sei. man ahnt es: es ist langsam vorbei mit der kleinen pause mitten am tag. und nein, meine kinder sind keine von der sorte, die siesta machen oder zimmerstunde. sie können sich hervorragend selbst beschäftigen, vorausgesetzt, sie hören mama irgendwo irgendwas arbeiten. sollte sie es wagen, sich hinzusetzen oder gar hinzulegen: auf sie mit gebrüll.

und so klappere ich mit geschirr und denke: früher war alles besser. und mir kommt in den sinn, dass es noch schlimmer wird. eines tages sind sie teenager und bleiben noch länger wach. bleibt nur zu hoffen, dass bis dahin das familienbett kein thema mehr ist und zusammensein mit der mutti nicht mehr ganz so attraktiv.

ach, wie ich sie vermissen werde, meine kleinen magnete.

 

(und wer jetzt kommentieren möchte: na wenigstens schlafen sie abends früher/schneller ein / schlafen sie nachts dafür durch. don’t. just don’t.)

my happy place

es gibt dinge, die machen mich unverhältnismässig glücklich: caramel, handdesinfektionsmittel, ein leerer waschkorb (konjunktiv), kurze fingernägel (bei mir und allen anderen lebewesen auf diesem planeten). was aber alles toppt: unser estrich (helvetismus für dachboden). nicht unser estrich an sich, obschon der auch ganz okay ist. aber die schätze, die er birgt. ganz konkret: kinderkleidung. es gibt fast nichts im leben, das mich glücklicher macht, als in den estrich zu klettern und zu schauen, ob ich passende schuhe, hosen, jacken, in grösse xy habe und sie auch zu finden.

ich habe mich gefragt, was das über mich aussagt (ausser, dass ich momentan ein sehr tristes leben führen muss, weil mich das so glücklich macht). ich habe immer über freundinnen gelacht, die leidenschaftlich auf kinderkleiderbörsen oder in seconhandläden stöbern gehen. wie kann man nur so freude an schnäppchen haben? mich bringt keiner dahin: viel zu viele mütter (väter sind offenbar nicht zuständig für kinderkleider), laute kinder, gewusel, hektik.

ich weiss es jetzt: mein estrich ist meine kinderkleiderbörse. einfach ohne andere menschen. ich lache nie mehr über meine schnäppchenjägerinnen. sie sind wie ich, einfach weniger misanthropisch.

guten morgen?

es gibt so tage (wie heute), da komme ich bei der lohnarbeit an (07:40 uhr), jemand begrüsst mich mit: «guten morgen» und ich frage mich: ist immer noch morgen? kann nur einer mutter oder einem vater passieren. ich bin eigentlich schon wieder müde, denn ich habe bereits:

  • mich erfolgreich aus dem ehebett, das sich heute nacht wundersamer weise in ein familienbett verwandelt hat, geschlichen
  • gefrühstückt, geduscht, mich geschminkt
  • den mann geküsst und mit ihm gelacht
  • den grossen buäb begrüsst und ihm frühstück gemacht, aber erst nachdem wir über die vor- und nachteile von vulkanen gefachsimpelt haben
  • znüni für den kindergarten gemacht und eingepackt
  • die überbleibsel der nacht verschwinden lassen (klingt aufregend, war es früher auch. heute sind es: eine windel und eine milchflasche)
  • schuhe geputzt und imprägniert
  • zwei kleidermännchen auf den spielzimmerboden gelegt
  • bibliotheksbücher zusammengesucht
  • den kleinen buäb im schlaf geküsst
  • mit meiner mutter geredet
  • 30 min zur lohnarbeit spaziert

und dann komme ich dort an und denke: morgen? ich habe noch einen ganzen tag vor mir? na halleluja.

(inspiriert übrigens von anyworkingmom, bei der ich letzte woche gastbloggen durfte. grosse blogempfehlung sowieso!)

Fragen aus der Quarantäne.

Ein bisschen monothematisch ist es hier. Es tut mir leid. Ich tu mir leid. Wir sind schon wieder krank. Und das wirft Fragen auf.

Wann kann ich wieder mal raus? Kann ich die Kinder dieses Jahr auch gegen Grippe impfen? Ist es schon Mittag? Ist Milch wirklich schleimbildend? Wie fühlt sich die Freiheit an? Hat der Kleine jetzt das gleiche wie der Grosse oder ist das schon was Neues? Schreibt man das gross oder klein? Kann ich ungeschminkt zum Briefkasten? Wen haben wir alles angesteckt? Haben wir noch Vaseline? Wie lange darf man Fieber senken? Träumt er was lustiges? Soll ich mich schminken? Ist schon Frühling? Hat er Handmundfuss? Wie viel TV ist okay? Wie bringe ich den Saft in das Kind? Ist das alles noch normal? Haben sie dasselbe wie die Nachbarn? Wie machen das andere? Hat er was am Auge? Wie bringe ich die Tropfen in das Kind? Warum bin ich nicht der Vater? Ist Bobo oder Peppa schlimmer? Werde ich mich draussen noch zurecht finden?

Und wie immer: Keine Zeit für die Antworten.